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Interview mit Anja Gmeinwieser

Anja Gmeinwieser ist zu Gast auf unserem Sommerfest am 11.7. und stellt dort ihren Debütroman "Wir Königinnen" vor (16 Uhr). Nicole Kößler, Florian Walter und Hannah Zehentbauer haben sie zu ihrem Roman befragt. Das Interview entstand im Rahmen des Seminars "Öffentlichkeitsarbeit" am Institut für Germanistik der Universität Regensburg.

Anja Gmeinwieser (c) Linda Sier

Was hat Sie dazu inspiriert, den Roman zu schreiben?
Anja Gmeinwieser: So pauschal kann ich das nicht beantworten. Es ist nicht so, dass mich plötzlich eine Eingebung ergreift oder ein Erlebnis so beeindruckt, dass ich denke: „DARÜBER schreibe ich einen Roman.” Sondern ich schreibe vor mich hin, beginne mehrere Geschichten gleichzeitig, und manche beginnen eben zu wachsen. Bei Wir Königinnen war das so und ich hatte mich mit dem Text in der Bayerischen Akademie des Schreibens im Literaturhaus München und dem Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg beworben. Die Romanwerkstatt dort hat die Wahrscheinlichkeit, dass der Text zu Romanstärke anwächst, maßgeblich erhöht.

Inwiefern haben persönliche Bekanntschaften bzw. Ihre eigene Biografie bei der Gestaltung Ihrer Figuren eine Rolle gespielt?
Anja Gmeinwieser: Meine Wanderung im Piemont hat den Romananfang stark geprägt. Zu Beginn des Schreibprozesses war das eigentlich mein Reisetagebuch. Als der Text gewachsen ist, hat sich die Ich-Erzählerin aber stark von mir „emanzipiert”, hat ihre eigene Biografie bekommen, d.h. „ich” im Roman bin nicht ich. Für die Figur „Anna” hatte ich immer mal wieder Eigenheiten von Freundinnen oder Bekannten im Hinterkopf, aber so viele, dass auch Anna nicht die eine Entsprechung in der Realität hat. Um ihren beruflichen Hintergrund zu verstehen, habe ich mich mit LKW-Fahrerinnen unterhalten und Dokumentationen über das Transportwesen in Europa geschaut.

Plotten Sie vor dem Schreiben viel oder entwickelt sich die Handlung beim Schreiben?
Anja Gmeinwieser: Beides. Ich schreibe drauflos, ein Anfang entwickelt sich. Ich beschließe, mich näher mit dem Text zu beschäftigen und entwickle einen Plot. Dann schreibe ich weiter und es wird ein ganz anderer Plot als der vorher geplottete. Also schreibe ich weiter, warte, was sich entwickelt, plotte neu, schreibe was anderes, warte, plotte neu usw. Stellen Sie es sich vor wie eine Wanderung, die man plant, aber dann verläuft man sich immer wieder, und man muss sich einen anderen Weg überlegen.

Warum bleibt die Protagonistin bis zum Ende namenlos?
Anja Gmeinwieser: Ich habe meine Figuren nicht komplett in der Hand. Die entwickeln ein Eigenleben und eine Widerständigkeit. Meine Protagonistin ist auch sonst sehr zurückhaltend mit Informationen über sich selbst. Und am Ende finde ich es auch egal, wie sie heißt, und als Ich-Erzählerin kommt sie mit „ich” ganz gut zurecht.

Warum haben Sie das Ende offen gelassen?
Anja Gmeinwieser: Wann ist ein Ende offen, wann geschlossen? In Wir Königinnen sind manche Stränge beendet, bei anderen kann man sich aus dem Kontext erschließen, wie es weitergeht, der Rest geht irgendwie weiter. Nicht, dass Realismus jetzt mein großer Anspruch wäre, aber auch im Leben ist das so: Irgendwas geht meistens weiter.

Die Dialoge wechseln zwischen Englisch und Deutsch. Eigentlich können beide Protagonistinnen gut Englisch und würden ohne Google Translate auskommen. Gibt es einen speziellen Grund, warum sie trotzdem oft darauf zurückgreifen?
Anja Gmeinwieser: Ja. Erstens ist es aus meiner Sicht lustiger mit dem Translator, zweitens bringt es eine andere Ebene in den Dialog und drittens hat das ganz ausnahmsweise auch mit der Zugänglichkeit zum Text zu tun: Nicht alle deutschsprachigen Leser*innen können mit langen englischen Passagen was anfangen. (Zugegeben können auch nicht alle mit den kurzen englischen Passagen was anfangen.)

Haben Sie die Texte von einer echten App übersetzen lassen oder im Stile eines Übersetzers selbst formuliert?
Anja Gmeinwieser: Ich habe im Google-Translator hin und her übersetzt und die Version übernommen, die mir am besten gefallen hat. Leider ist das Tool während des Schreibens besser und damit weniger witzig geworden.

Warum haben Sie den Titel Wir Königinnen gewählt?
Anja Gmeinwieser: Der Arbeitstitel lautete am Anfang Wie die Könige in Anlehnung an den Schweißgeruch, über den die Protagonistin ganz am Anfang nachdenkt. Zudem gibt es ja über LKW-Fahrer das romantische Klischee vom „King of the road”. Im Austausch mit meiner Agentin wurde es dann Wie Königinnen und, weil sich auf einer Buchmesse jemand im Gespräch verhört hat, wurde daraus Wir Königinnen.

Was war der schönste Moment, den Sie im Laufe des Schreibens oder nach Veröffentlichung ihres Debütromans erleben durften?
Anja Gmeinwieser: Das schönste am Schreiben ist eigentlich die Recherche, wenn ich – weil ich ein Buch schreibe – einfach bei Leuten anrufen und darum bitten kann, dass sie mir was über ihr Leben oder ihren Beruf zu erzählen. Und natürlich große Freude: Als klar war, dass der Text als Buch veröffentlicht wird.

Ist eine Fortsetzung geplant?
Anja Gmeinwieser: Nein.

Wie würden Sie den Satz beenden? Der Roman ist für alle, die ...
Anja Gmeinwieser:
vielleicht:
... gerne lesen?
... sich gerne in Landschaftbetrachtung verlieren?
... nicht schlecht wird, wenn es um Tierleid geht?
... auch nicht an Selbstfindung glauben?
Nein, im Ernst: Ich lese immer die erste Seite eines Romans, die entscheidet. Das müssen keine Themen sein, die mich schon vorher interessiert haben. Ich möchte vorschlagen, dass potentielle Leser*innen das mit Wir Königinnen ebenso handhaben.

Das Interview führten Nicole Kößler, Florian Walter und Hannah Zehentbauer